OMTH

Darf Gott einen Sohn haben

„Darf Gott einen Sohn haben?“


Herr, öffne meine Lippen, + auf dass mein Mund Dein Lob verkünde!

Liebe Brüder und Schwestern,

Gott hat viele Namen. Im Islam sind es 99. Im Buch Genesis (1 Mos. 1.1) heißt es im ersten Satz wortwörtlich: Im Anfang schufen die Götter (Elohim) Himmel und Erde. Bald darauf erscheint der Gottesname „El“, also nur einer, der in den Namen „Baal“ und „Allah“ sprachverwandtschaftlich auftaucht. Am Sinai offenbart Gott sich als „Jahwe“ (Ich bin, der ich bin). Allerdings nannten ihn die Juden aus Furcht, den Namen Gottes unehrenhaft auszusprechen, nur „Adonai“, das heißt „Herr“ - und es gibt nur EINEN! Das musste Israel erst im Laufe der Geschichte lernen.

Gestern haben wir das Fest „Christi Himmelfahrt“ gefeiert und uns dabei daran erinnert, dass unser Herr und Bruder, der von den Toten auferweckte Jesus, der Messias, der Christus, der „Gesalbte Gottes“, der „Sohn Gottes“ durch diesen Gott von der Erde zu IHM emporgehoben wurde. Dieser Jesus hatte seinen Freunden zuvor versichert, dass sie und darum auch wir nicht im Stich gelassen seien, denn er werde uns den Heiligen Geist, den Tröster senden. Das geschah erstmals deutlich erfahrbar zu Pfingsten.

Darum also sprechen wir: „Im Namen des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dieses Dreifaltigen Gottes gedenken wir am Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag in der katholischen, dem Sonntag „Trinitatis“ in der evangelischen Kirche. Über die Dreifaltigkeit möchte ich heute nachdenken. Wie komme ich dazu?

Seit über 20 Jahren lese ich „kirche in(tern)“ mit größtem Gewinn, doch nur selten hat mich eine Titelzeile derart angesprungen wie jene im Januarheft dieses Jahres: "Darf Gott einen Sohn haben?“ Als Therapeutischer Trauerberater und als Nachbar habe ich öfters Gespräche mit Muslimen, auch habe ich öfters mit Juden gesprochen, denn ich habe jüdische Vorfahren, und die Tochter meines Bruders ist jüdisch wie ihre Mutter.

Für beide Religionen ist diese Frage nach einem Sohn Gottes virulent, ja, ein Ärgernis. Muss das so sein? Ich möchte einen anderen Ansatz suchen. Dabei maße ich mir nicht an, Gott zu verstehen, will keinen fundamental-theologischen Diskurs führen, wie er bereits in der hellenistisch, also griechisch geprägten Zeit der Kirchenväter versucht wurde. sondern ich möchte als heutiger Christ darauf schauen, wie ich etwas vom Geheimnis Gottes erspüren könnte.

Gott lässt sich ja finden, er lässt sich erspüren im Kosmos, in Natur und Wissenschaft, in Kunst und Musik, im Denken und Fühlen. Denken ist mit Begriffen, also mit Sprache und Bildern verbunden. Worte und Bilder können über die Jahrhunderte unverständlich oder missverständlich werden, ebenso auch Denkund Vorstellungsmuster. Darum müssen Glaubenssätze meines Erachtens immer wieder neu durchdacht, neu interpretiert und neu formuliert werden.

„Dreifaltigkeit“, also ein Gott in drei „Personen“ lautet die eigentliche, hinter der Schlagzeile liegende Problematik. Hilft uns noch die von griechischer Philosophie geprägte Theologie der früheren Jahrhunderte? Kreisen wir es noch genauer ein: „Gott“ ist für uns der nicht hinterfragbare Grund allen Seins. Was aber heißt eigentlich „Person“?

Wir verstehen heute unter dem Begriff „Person“ ein unteilbares Individuum. Ist also jede der drei göttlichen Personen ein unteilbares Individuum? Dann hätten wir drei Götter! Was aber sagt Jesus selber: „Ich und der Vater sind eins“, oder an anderer Stelle: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“ Betrachten wir also den Begriff „Person“ näher.

Das Wort „Person“ entstammt der lateinischen Sprache, der Begriff „Person“ ist in der Sache jedoch griechischen Ursprungs. Im antiken Theater gingen die Schauspieler auf ca. 50 cm hohen Schuhen, sie „wandelten auf dem hohen Kothurn“, damit sie auf der „Orchestra“, der Bühne des riesigen Theaters, überhaupt zu sehen und zu erkennen waren.

Die Schauspieler agierten allerdings nicht so wie unsere heutigen Mimen, sondern eher statisch. In der Hand trugen sie eine Maske an einem Stab. Diese hielten sie vor das Gesicht, denn nicht mimischer Ausdruck des Darstellers war gefordert, sondern die Bedeutung der Worte, die er sprach. In dieser Maske befand sich eine große Mundöffnung, durch die die Stimme des Schauspielers, also das eigentliche Wort des Autors, hindurch schallte. Das lateinische Wort dafür lautet „per-sonare“, und das heißt auf Deutsch wiederum schlicht und einfach „hindurch-klingen“.

Was bedeutet das für unsere Überlegung? Eine „Person“ ist in dieser ursprünglichen Funktion kein „Individuum“, wie wir es heute verstehen, sondern eine „Rolle“, eine Erscheinungsweise.

Würden wir den Begriff der „Person“ auf diese Ursprungsbedeutung zurückführen, wären viele trinitarische Deutungsversuche, sie entstammen zum Teil mittelalterlicher Theologie, hinfällig. Sie gehören in eine Zeit, und das meine ich keineswegs abwertend oder lächerlich, als namhafte Theologen noch darüber diskutierten, wie viele Engel wohl auf einer Nadelspitze Platz fänden.

Wenn damals nicht einmal die Begriffe „geistig“ und „materiell“ gemäß unserem heutigen Verständnis korrekt zugeordnet wurden, können wir nur allzu gut erkennen, dass der Begriff „Person“ damals anders verstanden wurde als in jener Zeit, da er geprägt wurde. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass das antike Wissen, die antike Literatur und die antiken Wissenschaften uns Europäern gerade erst durch die Araber zurückgegeben wurden.

Gott ist in tausend Bildern ausgedrückt und offenbart sich auf vielerlei Weise, aber wir kennen ihn nicht „von Angesicht zu Angesicht“. Es gibt halt viele Zugänge und Versuche, etwas von diesem Gott zu erhaschen, der uns im Dekalog verboten hat, uns ein Bild von ihm zumachen, kein geschnitztes, kein gemaltes - auch kein gedachtes oder empfundenes?

Betrachten wir zunächst jenes Bild, in dem Jesus zu uns spricht:

1. Person: Jesus nennt Gott seinen Vater. Er sagt sogar in seiner Muttersprache auf aramäisch „Abba“, das heißt so viel wie „lieber Vater“ oder gar „Väterchen“. Gott erscheint in der Schöpfung als der Zeugende. Das zeugende Prinzip ist väterlich. Gott ist der Vater, der das Universum, unsere Welt, alles Leben und uns Menschen erschaffen hat. Diese Erscheinungsweise Gottes als dem Vater ist im Begriff Dreifaltigkeit aus meiner Sicht die am leichtesten erklärbare.

2. Person: Gott will uns wegen Adams Sündenfalls mit sich versöhnen, aber wir können ihn weder sehen, noch hören, noch auf andere Weise erkennen. Er muss sich uns deshalb in unserer Gestalt offenbaren. Also wird Gott Mensch und ist doch zugleich Gott. Jesus, der Menschensohn, ist für mich die Erscheinungsweise Gottes als des Erlösers der Menschen, aber er ist derselbe Gott, den wir in der ersten „Rolle" Vater nennen. Hier erscheint er uns jedoch als dessen Abgesandter. Den Abgesandten des Vaters „Sohn“ zu nennen ist keineswegs abwegig, darf allerdings nicht als ein neues Individuum verstanden werden.

Gott, der Vater, hat den Menschen Jesus von den Toten auferweckt. Der hatte am Kreuz geschrien: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Gekreuzigt wurde also der Mensch Jesus, nicht Gott. Die Juden sind keine Gottesmörder, wie ihnen im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder von Christen vorgeworfen wurde.

3. Person: Der vom Vater Auferweckte verkündete seinen Jüngern letzte Anweisungen. Dann verließ er diese Welt und die äußere und äußerliche Erscheinungsform eines Menschen. Er hatte uns dabei versichert, dass wir nicht verlassen seien. Gottes Geist werde bei uns sein. Diese Erscheinungsform Gottes als des Bewegers unserer Herzen, der uns in den Nöten des Lebens und dieser Welt tröstet und stärkt, nennt Jesus den „Heiligen Geist“.

Mir scheint es übrigens nicht sinnvoll, in feministischer Weise eine „Geistin“ zu formulieren, denn Gottes Geist ist Gott und kein anderer. Er ist weder männlich noch weiblich, sondern mehr als alles. Gott ist der „ganz Andere“. Man muss dafür auch nicht das hebräische „ruach“ für „Geist“ bemühen, das von der Grammatik her ein weibliches Wort ist.

Ich verstehe sehr wohl das Anliegen der feministischen Theologie, die patriarchalische Ausdrucksweise und die paternalistischen Bilder mit Hilfe einer „gerechten Sprache“ zu überwinden, weil die alten Ausdrücke und Übersetzungen von der Schöpfungsgeschichte bis hin zu den Paulusbriefen immer wieder zur Unterdrückung der Frau in Kirche und Gesellschaft geführt haben. Die Ersetzung der männlichen durch weibliche Begriffe wird Gott allerdings ebenso wenig gerecht wie die alte Sprechweise, denn Gott unterliegt weder dem natürlichen noch dem grammatikalischen Geschlecht.

In der Frühzeit der Kirche versuchten Theologen, das Problem des Verhältnisses zwischen Gott Vater und Jesus Christus als Sohn Gottes im Sinne eines strengen Monotheismus zu lösen. Entweder betonten sie die Einheit Gottes so sehr, dass sie glaubten, Gott Vater selbst habe in der Gestalt des Sohnes am Kreuz gelitten. Die Menschen haben aber nicht Gott gekreuzigt, sondern den Menschen Jesus, wie sie ihn sahen.

Niemand kann Gott töten, denn ER durchwirkt als lebensspendende Kraft die ganze Schöpfung - und ist doch ein persönlicher Gott, der auch mich durch alle Gefahren meines Lebens geleitet hat und leitet. Andere schlugen vor, Gott habe Jesus erst später als Sohn angenommen bzw. adoptiert. In solchen Ansätzen bleibt der Heilige Geist unerwähnt. Mir scheint, kein einziger Deutungsversuch der Dreifaltigkeit wird dem Mysterium Gottes gerecht, mit Sicherheit am wenigsten der meine. Könnte ich Gott nämlich in Begriffe fassen, so passte er in meinen Kopf, dann aber wäre nicht mehr ER Gott, sondern mein Hirn.

Mir geht es, wie gesagt, nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern darum, wie ich im Gespräch mit Andersgläubigen erklären kann, dass wir Christen nur an einen Gott glauben. Im frühen Mittelalter gab es den malerischen Versuch einer Darstellung der Dreifaltigkeit in einem Kopf mit drei Gesichtern. Diese Bilder wurden von der Kirche zu Recht verboten.

Im Religionsunterricht habe ich Kindern in Bezug auf das Geheimnis der Trinität nie die Geschichte jenes kleinen Jungen erzählt, der sich bemüht, das Meer in eine kleine Sandkuhle am Strand zu füllen. Das sei genauso unmöglich wie das Verstehen des Geheimnisses der Dreifaltigkeit. Solche legendenhaften Verrenkungen sind nur dann nötig, wenn ich den Begriff „Person" als „Individuum“ sprachlich fehldeute.

Kindern habe ich stets gesagt: „Wenn wir von Gott erzählen, dass er die Welt erschaffen hat, nennen wir ihn den „Vater", der ein liebevolles Herz hat wie eine Mutter. Erzählen wir davon, dass er uns von unseren Sünden und Schwächen befreit, nennen wir ihn „Sohn". Glauben wir voll fester Zuversicht daran, dass Gott immer noch bei und in uns ist, nennen wir ihn „Heiliger (und heilender) Geist“.

Ich kenne die Irrlehren der jungen Kirche, genannt „Monarchianismus“. Man versuchte, die Einheit Gottes in der Trinität zu wahren. Da gibt es hauptsächlich zwei unterschiedliche Wege: den „Adoptianismus“ und den „Modalismus“. Dem scheinen sich meine Gedanken anzunähern.

Dass dem nicht so ist, versuchte ich durch meine Eingangsbemerkungen zu meinen Verständnisversuchen im Gespräch mit Juden und Muslimen zu entkräften. Ich bleibe also unbedingt bei dem Bekenntnis: „Gott ist dreifaltig Einer!“

Dieser Dreifaltige Gott möge uns im Denken, Fühlen und Handeln durch seinen Heiligen und heilenden Geist immer leiten, damit wir den Weg zum liebenden Vater mit dem mütterlichen Herzen finden und gehen, den uns Jesus mit den Worten deutlich vorgegeben hat:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“

Amen.

 

Frá Johannes, Edmund Grümmer © 2014

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