OMTH

Meine Hoffnung

Wenn man ganz unten ist, hat man keine Hemmungen mehr. Die Sünderin im Evangelium scheint ganz unten zu sein. Sie durchbricht alle gesellschaftlichen Konventionen. Sie nimmt es in Kauf, schief angeschaut oder aus dem Haus geworfen zu werden. Das ist ihr alles egal. Man muss sich die Szene bewusst machen.
Die feine Gesellschaft ist bei Tisch. Da kommt eine stadtbekannte Prostituierte herein. Dass sie sich überhaupt in diese Gesellschaft herein traut.
Als öffentliche Sünderin dürfte sie das gar nicht, denn sie verletzt damit die geltenden Reinheitsvorschriften des Mahles. Sie weint. Sie schleicht sich an Jesus heran. Ohne ihn um Erlaubnis zu bitten, berührt sie ihn und küsst seine Füße.
Ein auf seine Ehre bedachter Mann dieser Zeit hätte das nicht zugelassen. Die Frau löst ihre Haare auf – auch das schickt sich damals in der Öffentlichkeit nicht. Sie trocknet die Tränen, die auf die Füße Jesu gefallen sind, und salbt seine Füße mit einem kostbaren Öl. Worüber weint die Frau eigentlich? Weint sie wegen der Verachtung, die sie in der Gesellschaft erfährt? Weint sie darüber, dass sie mit ihren Sünden Gott beleidigt hat? Weint sie darüber, dass sie so wenig geliebt, sondern immer wieder nur von Männern benutzt wird? Weint sie darüber, dass sie, ohne es zu wollen, auf die schiefe Bahn geraten ist, so wie heute manche Mädchen aus Osteuropa, und keine Möglichkeit hat, aus diesem Teufelskreis auszubrechen?
Tränen sagen mehr als Worte. Und die Tränen der Frau offenbaren wohl eine ganze Lebensmisere. Unglückliche Umstände, die Unfähigkeit, das Leben in die Hände zu bekommen. Einsamkeit.
Und dann auch die eigene Schuld, durch die sie immer wieder ihren eigenen Beitrag leistet zu einem kaputten Leben. Für die Umstände, ein schlechtes Elternhaus, ein problematisches Umfeld, kann sie vielleicht nichts.
Aber den eigenen Entscheidungsspielraum, der ihr noch bleibt, den hätte sie nutzten können.  Mit all dem kommt sie zu Jesus. Sie ist ihm sicher schon vorher einmal begegnet. Hier ist einer, der mich nicht ausnutzt wie die anderen Männer, sagt sie sich.

Hier ist einer, der urteilt mich nicht ab, dem kann ich vertrauen, der kennt mich, auch wenn ich nicht in der Lage bin, meine Misere in Worte zu fassen. Hier ist einer, der schaut mich mit Liebe an. Ihn möchte ich ehren und ihm meine Liebe zeigen. Das ist der Unterschied zwischen der Frau und dem Pharisäer Simon. Simon genügt sich selbst. Er ist ein frommer Mann. Er braucht Jesus scheinbar nicht. Die Frau setzt ihre ganze Hoffnung auf Jesus.  Sie wird nicht enttäuscht. Jesus sagt über sie: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat.“  
Die Begegnung mit Jesus hat ihr ganzes Leben umgewandelt, hat ihre alte Misere beseitigt und sie auf eine neue Bahn gebracht.
Wo stehen wir?
Sind wir der Pharisäer Simon, der sich selbst genügt?
Es ist ja ein Kennzeichen moderner Religiosität, dass man sich selbst erlösen will. Durch Meditation. Durch gesunde Ernährung. Durch positives Denken und Wellness. Aber kann man sich denn selbst erlösen? Oder sind wir die Frau, die sich ihrer Misere bewusst ist und die sagen kann: „Jesus, du bist meine Rettung.“
 

  Frà Benedict

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