OMTH

Schuld und Gnade


L A U D E S

in der Magistralkirche St. Andreas zu Karlstadt

Freitag, 26. 05. 2017

 

 

Schuld und Gnade

 

In der globalisierten Welt erkennen wir nur allzu deutlich: Der Glaube an Gott ist bunt und vielfältig. Gott hat viele Namen. Das Judentum kennt nur einen: Jahwe, Ich bin der „Ich bin für Euch da“. Der Islam zählt 99 Namen auf. Für uns Christen lautet Gottes letzter Name „Jesus von Nazareth“.

 

Was macht diese letzte Aussage mit uns und unserem Glauben? Alle geistliche Suche zielt auf Gott hin, aber hier erscheint der Name eines Menschen, eines Mannes, eines Wanderpredigers aus Galiläa! Haben wir in ihm Gott gefunden? Aus uns heraus können wir Gott nicht finden, nicht verstehen, nicht begreifen, nichts. Nein, ER lässt sich finden!

 

Wie können wir überhaupt von Gott reden? Der gläubige Christ weiß, dass einzig GOTT den Glauben schenkt. Dieses Geschenk ist übrigens an keine Kirche und keine Institution oder Gemeinschaft gebunden. Der Geist weht, wo er will. ER erschafft die spirituelle Haltung, die mystische Liebe in uns.

 

Mögen Dogmen oder rechtgläubige Formeln noch so genau, so richtig, so perfekt definiert sein, so haben sie noch nichts mit meinem Glauben, also mit dem gläubigen Vertrauen auf einen an mir persönlich interessierten Gott zu tun. Dieser Glaube, dieses Vertrauen erfordert viel, nämlich die Bereitschaft zu einer umfassenden Lebenseinstellung und Lebensgestaltung.

 

Paulus schreibt im zweiten Korintherbrief: „Der Geist macht lebendig, der Buchstabe tötet.“ Es ist der Buchstabe, der die Fanatiker und Fundamentalisten aller Couleur töten lässt. Seien wir ehrlich, auch die Kreuzzüge gehören in diese Abteilung.

 

Jesu Liebesgebot zielt jedoch einzig auf das Leben, auf das wir es in Fülle haben. Wir dürfen dieses Gebot halten, indem wir es in unserem konkreten Handeln verwirklichen, und zwar im Einsatz für eine positive Entwicklung all unserer Lebensbereiche, hier ganz besonders in unserem Orden.

 

Dank unserer menschlichen Natur gibt es genügend Gründe, weshalb ich jetzt das Thema „Schuld“ anspreche.

 

Zunächst erscheint „Schuld“ als ein Verhaltensgegensatz zur „Tugend“. Ich erinnere an unsere Überlegungen während der Klausurtagung, als wir über die Bergpredigt nachdachten: Wer die Grundsätze der Bergpredigt verachtet oder missachtet, kann zumindest ein schlechtes Gewissen bekommen. Doch schauen wir noch genauer hin.

 

„Irren ist menschlich, Vergeben ist göttlich“, sagte Alexander

Pope im 18. Jahrhundert. Das wussten auch Jesu Zeitgenossen

bereits. Darum griffen sie ihn an, denn in ihren Augen maßte er sich göttliche Rechte an, als er dem Kranken versicherte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Solche Vergebung hat mit der Entschuldigung, die wir jemandem gewähren, der uns nur versehentlich angerempelt hat, kaum etwas zu tun.

 

Der Begriff „Sünde“ ist in unserer Zeit längst verharmlost. Wir wenden ihn auf ein Gläschen zu viel oder auf einen Diätfehler an. Solche Sünden werden oft bestraft durch Kopfschmerzen oder einen Blick auf die Badezimmerwaage.

 

Im Ernst gefragt: Ist die Sünde eine Abwendung von Gott und gleichzeitig eine Hinwendung zum Geschöpflichen, gar zum Menschen?

 

Wenn wir beim Endgericht gefragt werden, ob wir uns dem Bruder, der Schwester zugewandt haben, die unsere Hilfe brauchten, wäre solch eine Sündendefinition sehr fragwürdig. Zeigt sich doch die Liebe zu Gott am stärksten durch die Liebe zum Mitmenschen, wie Jesus in den Seligpreisungen fordert.

 

Betrachten wir einmal des Wort „Schuld“: Da handelt es sich doch um Schulden, weil wir jemandem etwas schulden oder schuldig geblieben sind. Im Vaterunser, das uns Jesus selber gelehrt hat, ist in der Tat von „Schulden“ die Rede. So übersetzt Martin Luther es sogar wörtlich. Im griechischen Urtext ist von „opheilemata“ die Rede, ein Wort mit ökonomischer Bedeutung. In der englischen „King James bible“ ist ebenso von „debts“ die Rede, und „Debit“ und „Debitor“ sind im Bankwesen keine unbekannten Begriffe.

 

Es geht darum, niemandem, weder Gott noch den Menschen noch mir selber etwas schuldig zu bleiben. Ist das denn möglich? Gehört es nicht zum menschlichen Wesen, dass wir immer wieder jemandem etwas schuldig bleiben, also schuldig werden?

 

Wir Christen dürfen nie vergessen, dass wir nicht nur in einem Schuldzusammenhang stehen, sondern ebenso in einem Glücks-, Friedens- und Gnadenzusammenhang. Da wir jedoch aus eigener Kraft keinem Schuldzusammenhang entrinnen können, sind wir immer zurückgeworfen auf einen Gott, der Ungerades begradigt, und der uns unsere Schuld vergibt. Diesen Gott verkündet Jesus.

 

Wie sehr Gottes Liebe und Vergebungsbereitschaft unsere Kleingeistigkeit und Engstirnigkeit übertrifft, zeigt die Geschichte des Propheten Jona. Gott will das gottlose Ninive vernichten, aber er sendet Jona als Mahner und Warner dorthin. Was geschieht?

 

Die Bewohner von Ninive bekehren sich, sie kehren um, sie tun Buße. Gott verschont sie, und Jona kann das nicht begreifen. Er macht Gott Vorwürfe. Er will sterben. Da lässt Gott einen sehr schnell wachsenden Rhizinusstrauch sprießen, der Jona in der Gluthitze Schatten spendet. Jona ist glücklich. Nun schickt Gott einen Wurm, der den Strauch verdorren lässt. Jona will sterben - wieder einmal. Gott führt Jona nun vor Augen, dass es diesem um den Rhizinusstrauch leid ist, jedoch nicht um die Einwohner Ninives.

 

Ist Sünde letztlich überhaupt ein Problem? In meiner Predigt auf dem Herbstkonvent hatte ich auf die wunderbare Skulptur des „Barmherzigen Vaters“ hier in unserer Ordenskirche hingewiesen.

 

Damit der barmherzige Vater den verlorenen Sohn umarmen kann, muss dieser zunächst umkehren. Er kommt zum Vater zurück. Jesus sagt es uns im „Vaterunser“ doch täglich neu: Das Maß der väterlichen Vergebung ist abhängig vom Maß unserer Vergebung gegenüber unseren Brüdern und Schwestern. Im Lukasevangelium heißt es deutlich: „Seid barmherzig, wie (und weil) euer Vater barmherzig ist.“

 

Alexander Pope hatte recht: Vergeben ist göttlich.

 

Vergeben zu können gehört zu unserer Gottebenbildlichkeit!

 

Jedoch gilt: Gottes Liebe ist noch größer, er kann nicht anders als lieben, denn Gott ist die Liebe! Er liebt, wie die Berge stehen und die Flüsse ins Meer strömen. Auf ihn war und ist immer Verlass, und so wird es sein in Ewigkeit. Das ist die Gnade, die jede ehrlich bereute Schuld aufhebt.

 

Gottes überströmende Liebe stärke täglich unsere Herzen und bestimme unser reales Handeln, damit es zum Zeugnis für Liebe und Leben werde in einer Welt, die, wie es allenthalben scheint, in Vernichtung und Kriegen unterzugehen droht.

 

Amen.




Frá Johannes 26.05.2017
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