OMTH

Vater unser

K O M P L E T

in der Magistralkirche St. Andreas zu Karlstadt

Freitag, 06. 10. 2017

 

EVANGELIUM

Vom Beten (Mt 6,5-15)

05 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen

sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken,

damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen,

das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 06

Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest, und schließ

die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen

ist. 09 Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir

vergelten. 07 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die

Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele

Worte machen. 08 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater

weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.

09 So sollt ihr beten:

Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt,

10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel,

so auf der Erde.

11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.

12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren

Schuldnern erlassen haben.

13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor

dem Bösen.

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt,

dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird

euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

 

HOMILIE

Das Vaterunser

Non nobis, liebe Brüder und Schwestern,

 

Die Väter sind unser Schicksal. Alexander Mitscherlich hatte dazu bereits 1963 „Ideen zur Sozialpsychologie“ entwickelt unter dem Titel „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft.“ Wie viele Menschen haben keinen Vater - denken wir an Krieg oder frühen Tod. Wie viele Kinder erleben einen schlechten Vater - Trunksucht und Gewaltaktionen in der Familie unter mannigfacher Gestalt legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Zum Glück gibt es aber auch viele gute Väter.

 

Jesus sagt: Nur einer ist gut: Euer Vater im Himmel.

 

Gott ist im Himmel, aber wo ist der Himmel? Nur scheinbar haben es die Anglophonen leichter mit der Unterscheidung zwischen „sky“ und „heaven“. Gott ist über allem, überall, in allem, hier bei uns. Wie aber kommen wir zusammen?

 

Jesus sagt: Wenn ihr betet, wie ich zu meinem himmlischen Vater bete, kommt er zu euch mit seiner Freude und mit seiner Hilfe.

 

Diesen Gott können wir leider aus uns heraus nicht erreichen. Das glauben die Heiden. Lässt er sich in Tempeln, Kirchen oder Klöstern finden? Das weiß Gott allein. Lässt er sich in unserer Seele finden?

 

Jesus sagt: Gott ist nicht da, wo Menschen meinen, sie seien besser als andere, weil sie viel und lange beten.

 

Unseren Namen tragen wir meist ein Leben lang. Daran sind wir zu erkennen, und zu ihm bekennen wir uns. Wenn wir einen Menschen lieben, lieben wir ihn mit seinem Namen. Gott trägt seinen Namen in Ewigkeit. Er heißt „Unser Vater“. So ist er heute und immerdar. So reden wir ihn an ohne Scheu, aber hoffentlich in Liebe, weil wir von ihm geliebt und in seiner Liebe geborgen sind. Gottes Namen heiligen bedeutet, ihn unter den Menschen zu verkündigen, weil wir seine Liebe immer wieder erfahren dürfen. Diesen Auftrag haben wir.

 

Jesus sagt: Geht hinaus in alle Welt und lehret alle Völker, dass Gott euer liebevoller Vater ist.

 

Wenn wir diesen Vater über uns herrschen lassen, so entsteht sein Reich in uns und mitten unter uns. Das Reich ist nicht hier oder dort zu erkennen wie ein menschliches Reich. Wenn Menschen gottgleich herrschen, entsteht Terror, und es fließen Tränenströme. Jesus setzt solchen Machthabern seine Ohnmacht, seine Demut, Geduld und Liebe entgegen. Ihm geht es nicht um Vorrechte und Herrschaft. Leider haben auch Christen, christliche Herrscher, ja, auch die Kirchen Herrschaften begründet, in denen sie Menschen bevormunden wollten, sogar befehlen, was und wie sie zu glauben haben. Doch die Spur zu Gottes Reich liegt vor unseren Füßen und Händen. Sie führt zu den Armen und Kranken, den Gefangenen und Gemarterten, den Hungernden und Leidenden. Dort wächst ganz im Verborgenen Gottes Reich in und unter uns Menschen.

 

Jesus nennt sie achtfach: Selig sind …

 

Des Vaters Wille ist uns oft unverständlich. Oft wollen wir anders als er. Selbstverwirklichung und Durchsetzung gegenüber anderen sind häufig unsere direkten Ziele. Ist Beten eine Hilfe? Wie oft ist Beten ein Kampf! Das musste sogar Jesus auf dem Ölberg erfahren, als die Jünger schliefen und ihn verließen.

 

Jesus sagt: Vater, wenn es möglich ist, … doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine.

 

So geschieht Gottes Wille im Himmel, doch was bleibt uns hier auf der Erde? Jesus fasst die zehn Gebote Gottes vom Sinai und die 613 Gebote der jüdischen Tradition zusammen, als er das alttestamentarische Wort für einen Fragesteller zitiert.

 

Jesus sagt: Das erste lautet: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

 

Sein Name, sein Reich, sein Wille, damit spricht Jesus von seinem Vater. Jetzt wendet er sich den Nöten der Menschen zu. Es geht zunächst um Alltägliches, um Essen, Kleidung, Freude. Es geht nicht um Überfluss, sondern um das, was für den Tag nötig ist. Er selber teilt sich uns mit in Brot und Wein. Dadurch wird die Eucharistie zu einem Zeichen der Beziehung zwischen Gott und den Menschen. Lassen wir es zum Beweis der liebevollen Beziehung zwischen uns werden, nicht zuletzt in unserem Orden.

 

Jesus sagt: Wenn ihr dieses Brot esst und diesen Wein trinkt, so tut es nicht mehr wie die Väter zum Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten, sondern zu meinem Gedächtnis.

 

„Gnothi sauton“ lautet eine Inschrift auf dem Apollotempel in Delphi. Das heißt auf deutsch: Erkenne dich selbst! In Wirklichkeit erkennen wir uns erst richtig, wenn wir mit Jesus zu tun haben. Deshalb frage ich persönlich bei allen kirchlichen oder religiösen Fragen: Was hat das mit Jesus zu tun? Seine neue Zeit ist längst angebrochen, wir aber hängen immer noch gefangen in der alten. Gottes Reich in uns beginnt mit der Vergebung. Wir sollten von Herzen vergeben lernen, wie auch Gott uns durch Jesus für immer vergeben hat. Spüren wir beim Sprechen des Vaterunsers jene Zeile genau: „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern (Schuldnern)“? Wie oft ärgere ich mich über das gedankenlose und darum folgenlose Geleier dieses Satzes! Vergebung unserer Schuld erreichen wir nur durch Gott selbst, nicht durch unsere Leistung. Gott schenkt sie uns frei.

 

Jesus sagt: Vergib dem Feinde nicht nur, liebe ihn sogar. Wie können wir denn wahrhaft lieben, ohne dem anderen Vergebung zu gewähren? Allerdings sollten wir nicht jene Verantwortung außer acht lassen, die auch der andere trägt. Was der aber aus unserer Vergebung macht, wie er damit umgeht, ist nicht mehr unsere Verantwortung vor Gott.

 

Versuchungen, selber schuldig zu werden, begleiten uns ein Leben lang, ob in der Stadt, in der Wüste, ob unter Menschen oder in der Einsamkeit. Die Versuchung ist stark, der Versucher ist stark. Niemand zwingt dich zu tun, was alle tun. Du bist du! Gott prüft uns, aber er lässt uns nicht fallen. Höre auf dein Gewissen und bitte Gott um seinen Beistand. Immerhin wurde sogar Jesus versucht. Der rechte Weg ist schmal. Ist deshalb die Welt, die Natur schlecht? Ihr wisst, dass ich in jungen Jahren Mitglied der Oblaten des heiligen Franz von Sales war. Dieser Bischof von Genf hatte nur einen Frauenorden gegründet. Dort gab es im 19. Jahrhundert eine Oberin, genannt die „Gute Mutter“. Wenn sie auf Visitationsreisen in der Kutsche durch ihre wunderbare schweizerische Heimat fuhr, so zog sie die Gardinen vor, um nicht durch die herrliche Bergwelt von ihrem Gebet und von Gott abgelenkt zu werden. Ich habe dieser Haltung immer misstraut. Gott hat uns die Natur auch zur Herzensfreude geschenkt. Diese Frau hat das Gottesgeschenk in meinen Augen missachtet.

 

Jesus feierte mit Lust nicht nur auf der Hochzeit zu Kana. Er speiste mit Zöllnern und Huren. Aber er widerstand der Versuchung zur Macht in der Wüste und im Garten von Gethsemane.

 

Gott, der liebende Vater, will das Leben. Jesus widersetzt sich dem nicht. Er erhebt Widerspruch gegen den bösen Willen, der aus unserem Herzen stammt, der uns selbst zerstört und Leid auf die Erde bringt. Er verspricht durch seine Erfüllung des göttlichen Willens uns Erlösung von dem Bösen.

 

Jesus spricht am Anfang seines Gebetes den Namen des Vaters aus, zuletzt den des Widersachers. Mit Jesus sprechen wir unsere Sehnsucht nach der Liebe des Vaters aus. Wir schreien in der Not unserer Tage, doch mit Jesus schreiten wir der Erlösung entgegen.

 

Wir sollen den Vater wie Kinder bitten, ohne Hintergedanken und ohne viele Worte. Kinder müssen sich alles schenken lassen, und der Vater weiß genau, wessen sie bedürfen. Plappern wir nicht wie die Heiden. Plappern wir bitte auch das Vaterunser nicht. Es ist der Begleittext unseres Lebens, unversiegbare Quelle und unvorstellbare Summe unseres Glaubens.

 

Jesus spricht: Vater unser …

 

Eusebios von Nikomedia, Reichsbischof von Konstantinopel, weihte um das Jahr 340 den Goten Wulfilas (=„Wölfchen“) zum Bischof der Christen im gotischen Land, also an der unteren Donau. Er neigte den Arianern zu, einer Sekte, die von den anderen Christen im römischen Reich sehr bekämpft wurde. Eine seiner herausragenden Leistungen ist eine Übersetzung der Bibel ins Gotische Im Codex Argenteus findet sich seine Fassung des Vaterunsers. Ich trage diese nun vor und bitte Euch, im Bemühen um das Verständnis der gotischen Worte - und das ist recht leicht - Euch in deren Sinn zu vertiefen:

 

atta unsar þu ïn himinam

weihnai namo þein

qimai þiudinassus þeins

wairþai wilja þeins

swe ïn himina jah ana airþai

hlaif unsarana þana sinteinan gif uns himma daga

jah aflet uns þatei skulans sijaima

swaswe jah weis afletam þaim skulam unsaraim

jah ni briggais uns ïn fraistubnjai

ak lausei uns af þamma ubilin

unte þeina ïst þiudangardi

jah mahts jah wulþus ïn aiwins

amen


Frá Johannes 06.10.2017
Edmund Grümmer © 2017

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