OMTH

Abendmahl

V E S P E R

 

in der Magistralkirche St. Andreas zu Karlstadt

Freitag, 26. 11. 2016, 19.00 h

 

LESUNG

 

Das Abendmahl (Mt 26, 26-29)

 

26 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib.

27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus;

28 das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

29 Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von neuem davon trinke im Reich meines Vaters.“

 

HOMILIE

 

Das Heilige Abendmahl und seine Folgen

 

Non nobis, liebe Brüder und Schwestern,

 

heute abend beginnt das neue Kirchenjahr. In ihm begehen katholische Christen gemeinsam mit den evangelischen Geschwistern das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ als ein Christus-Fest. Uns verbindet vor allem an der Basis unglaublich viel. Schmerzhaft ist die durch die katholische Lehre dogmatisch verordnete Trennung beim gemeinsamen Mahl, zu dem Jesus doch selber einlädt! Bei uns aber soll es bewusst und gewollt nicht so sein. Damit wir jedoch keiner billigen Gleichmacherei verfallen, möchte ich einen neuen Ansatz suchen.

 

Wir wissen, dass in der katholischen wie in der orthodoxen Theologie das Dogma der Transsubstantiation für allein richtig gehalten wird. Das heißt, Brot und Wein sind nach der Wandlung wesenhaft, nicht materiell, wirklich Jesu Leib und Blut, die eine Verehrung und eine sorgsame Bewahrung im Tabernakel verlangen.

 

Martin Luther hielt zeit seines Lebens an der Realpräsenz fest. Das heißt, wenn der Christ in gläubigem Vertrauen das Hl. Abendmahl genießt, geschieht eine Communio, also eine Vereinigung des vertrauenden Christen mit seinem Erlöser. Jesus ist für Lutheraner im Abendmahl real präsent.

 

Reformierte Christen, neben den Calvinisten insbesondere die Anhänger Zwinglis, sehen in Brot und Wein lediglich ein Symbol oder Zeichen für Jesu Erlösungstat. Darf die Einheit im Mahl nur am Ende eines Einigungsprozesses stehen, oder sollte sie nicht sogar dessen Voraussetzung sein?

 

Wir wissen, wie sehr die Menschen des Mittelalters an sinnlich erfahrbaren Nachweisen für ihre persönliche Erlösung interessiert waren. Der Besitz von Reliquien galt als solch ein Nachweis. Kurfürst Friedrich der Weise, Luthers Beschützer, ließ nicht von seinem alten Glauben ab. Seine vielen tausend Reliquien erschienen ihm als Zeichen göttlicher Gnade.

 

Dinghafte Vorstellungen begleiteten also das religiöse Denken und Fühlen der meist leseunkundigen Menschen. Darum nahmen neben der Reliquienverehrung der Erwerb von Ablässen, aber auch die Vorstellungen von Himmel, Fegefeuer und Hölle einen so unglaublich großen und obendrein zumeist furchterregenden Raum ein.

 

Es erscheint demnach plausibel, dass auch die Deutung von Brot und Wein dinghaft verstanden wurde. Das führte zu völlig unchristlichen Streitereien, ja, sogar Kriegen bis in die späte Neuzeit hinein.

 

Gibt es keine andere Deutungsmöglichkeit als die dinghafte? Ich will eine Klärung versuchen. Bei Matthäus haben wir eben gehört: „Das ist mein Leib“. „Das ist mein Blut“. Es könnte uns erschrecken, dass diese Übersetzung nicht korrekt sein mag.

 

Jesus sprach bekanntlich aramäisch, und in dieser Sprach gibt es das Hilfsverb „ist“ überhaupt nicht! Er zeigt das Brot und spricht „Mein Leib“, er nimmt den Kelch und sagt: „Mein Blut“. Damit stellt er Beziehungen her. Lasst uns darauf schauen! Im gemeinsamen Essen des Brotes deutet Jesus Beziehungen an zu den Jüngern wie auch zu den Randgruppen der Gesellschaft. Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Er meint also ebenso die Beziehung zu uns allen und zugleich zwischen uns allen.

 

Jesus wird nach der Auferweckung nicht mehr sichtbar auf dieser Erde weilen, aber er bleibt stets in unseren Beziehungen lebendig, wenn wir ihn denn lassen – und das Brot in seinem Sinne miteinander teilen.

 

„Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Jesus leert den Kelch bis zur Neige aus Liebe zum Vater und aus Liebe zu uns. Sein Blut besiegelt für uns alle sichtbar seine Beziehung zum Vater. In unseren Kirchen und Gemeinschaften muss diese Beziehung ebenso wie in unserem Orden als Jesu Erlösungstat sichtbar, spürbar, hörbar und lesbar werden.

 

Das führt unweigerlich zu Folgerungen:

 

Als Jesus seinen Jüngern mitteilte: „Mich drängt es, das Osterlamm mit euch zu essen“, ging es ihm da nicht um die Beziehung zu den Jüngern und zu uns, um die Gemeinschaft mit uns und für uns, oder ging es ihm, salopp formuliert, nur um ein individuelles „Schäferstündchen mit dem lieben Heiland“?

 

Aus einer korrekten Antwort ergeben sich Forderungen: Die Beziehung zu den Menschen ganz allgemein und zu den Brüdern im Besonderen verlangt von jedem von uns im Sinne der „misericordia“, der Barmherzigkeit, die radikale Umsetzung in den Lebensalltag.

 

Natürlich erleben wir immer wieder Fehlschläge, denn niemand von uns ist vollkommen. Im Sinne der Beziehungen, die das Abendmahl stiftet, müssen den Fehlschlägen jedoch Bemühungen um Veränderung folgen. Johannes der Täufer spricht von „Umkehr“.

 

Das ist der Lerneffekt, der Fehler so wichtigmacht.

 

Urteile über andere stehen uns allerdings nie zu, denn vor Gott hat niemand von uns einen Vorteil, der aus ihm selbst erwachsen wäre. Gottes Liebe geht allem voraus. Das rechte Handeln als liebevolle Antwort auf Gottes Liebe müssen wir jedoch zumindest anstreben.

 

Der Apostel Paulus spricht geradezu apodiktisch: „Wer das Brot unwürdig isst und den Wein unwürdig trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht!“ Wer isst und trinkt denn unwürdig? Natürlich denkt Paulus zunächst an jene Heidenchristen, die durch den Verzehr von Opferfleisch keine Unterscheidung zum Herrenmahl erkennen lassen. Von diesen zeitbedingten Umständen losgelöst konstatiere ich:

 

Wer die Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen bewusst und absichtlich missachtet, wer also den Beziehungscharakter des Heiligen Abendmahls nicht in seinem Leben mit den Mitmenschen umsetzt, der isst und trinkt sich das Gericht.

 

Hat Jesus nicht immer wieder, oft geradezu provokativ, die Mahlgemeinschaft verwirklicht? Waren es nicht Zöllner, Sünderinnen und Sünder, mit denen er zu Tische saß und so die Pharisäer auf den Plan rief! Nicht deren zur Schau gestellte Selbstgerechtigkeit rettet. Sie haben ihren Lohn bereits dahin.

 

Uns rettet nur der Glaube an Jesus als den Weg, die Wahrheit und das Leben sowie unser Vertrauen darauf, dass der himmlische Vater uns unendlich liebt!

 

Um uns allen Gottes unendliche Liebe zu verdeutlichen und nicht in blutleeren Worten hängen zu bleiben, bitte ich Euch: Betrachtet noch einmal - etwa morgen früh - das Bildnis drüben in der Mauernische und meditiert das Gleichnis Jesu „Vom Verlorenen Sohn“, oder wie wir heute richtiger sagen, „Vom Barmherzigen Vater“.

 

Die allererste Konsequenz aus den Darlegungen scheint mir darin zu liegen, dass wir morgen beim Konventamt in dieser Haltung die Communio, die Vereinigung mit unserem Erlöser, erhoffen, erbitten und vertrauensvoll erwarten, um danach eine bescheidene und dankbare Haltung in unseren Alltag mitzunehmen und jeden Tag aufs Neue umzusetzen.

 

Der Advent könnte, dürfte und sollte dafür einen geeigneten Zeitrahmen bieten. „O komm, o komm, Emanuel!“

 

Was auch immer wir tun, und sei es die geringste Tätigkeit, sollten wir aus Liebe zu Gott, zu unseren Mitmenschen und insbesondere zu unseren Mitbrüdern tun, damit uns die eine oder andere Problematik in der Zukunft nicht mehr belästigt oder gar belastet.

 

Zum Abschluss hören wir noch einmal dem Apostel Paulus zu. Er schreibt in seinem Brief an die Epheser (4,1-6):

 

„Brüder! Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.

 

Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält.

 

Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch

eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“ Und die Liebe Gottes, die all unser Begreifen übersteigt, bewahre durch die Kraft des Heiligen Geistes unsere Herzen und Sinne auf dem Weg Jesu Christi zum liebenden Vater, unserm ersten Ursprung und letzten Ziel.

 

Amen.

 

FÜRBITTEN

 

Du guter und getreuer Vater, nur zu oft benehmen wir uns wie ein unbarmherziger Vater. Darum flehen wir heute von Neuem zu Dir:

 

• Hilf uns, die Liebe, die Du uns täglich schenkst, an unsere Mitmenschen und unsere Brüder weiterzugeben.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Lass uns erkennen, dass wir uns nicht nur in unserer Familie, bei unseren Lieben, unseren Freunden und Brüdern als barmherzig und demütig erweisen, sondern vor allem bei jenen Menschen, die am Rande stehen, denn auch sie sind Deine Kinder.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Lass in unseren Herzen Deine Liebe entflammen, damit wir den Einflüsterungen heutiger Verführer widerstehen, denn die seelische Not wächst immer stärker.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Lass uns verstehen, dass eine demütige Haltung keine Unterwerfung ist, sondern die Anerkennung von Realitäten, damit wir nicht dem Hochmut verfallen.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Erwecke in uns das Verständnis für die Kraft des innigen Gebetes, damit wir auch dadurch zur Rettung der Welt, der Kirchen und unserer Ordensgemeinschaft beitragen.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Stärke die Bereitschaft unseres Bruders Benjamin, mit uns auf dem Weg einer stets zu erneuernden Kirche voranzugehen, damit wir alle in Jesu Auftrag glaubwürdig als Salz und Sauerteig in die Gesellschaft hineinwirken.

O komm. o komm Emanuel!

 

• Schenke unseren verstorbenen Angehörigen und Mitbrüdern die Freude, als Kinder des Lichtes in Deinem ewigen Reich zu leben.

O komm. o komm Emanuel!

 

Wir wollen beten: Ja, Abba, lieber Vater, gib uns Kraft zu gutem Tun. Hilf uns mit Deinem Beistand, dem Heiligen Geist, dem Tröster, dass wir die stets notwendige Umkehr schaffen. So darf unser Herz auf das Fest Deiner Ankunft hin wachsen, denn indem Gott das Wort in die Welt sandte, begann unser Heil.

Amen.


Frá Johannes 26.11.2016
Edmund Grümmer © 2016


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